Modest Mussorgsky. „Bilder einer Ausstellung“. Teil 5 «Der Ochsenkarren»

Dieses Stück gehört ebenfalls zu den Genre-Stücken wo es generell keine grossen Interpretationsfehler geben kann. Das einzig Erforderliche ist viel Kontrolle über die Repräsentation.

Im vorherigen Stück wurden die spielenden Kinder wie auf einem Aquarell dargestellt. Das war nur eine feine Skizze, weil wir über Kinder sprachen, ohne die Psychologie zu berühren. Dieses Stück erfordert eine gewisse psychologische Synthese.

Bydło. Natürlich wurde es aus dem Polnischen übernommen und die Übersetzung lautet: Vieh. Man muss immer die Quellen kennen. Bewusst oder unbewusst, Modest Petrowitsch(Es ist natürlich schwierig, den Geist und die Seele eines Genies zu analysieren)auf jeden Fall richtet er seinen Blick in Richtung Polen.

Die Ochsen sind an einen verdrehten Wagen bespannt, [1.38] ein trauriges Thema in Moll. Woher kommt dieses Thema? Hier gibt es wieder diese Wurzelverbindung mit Folklore, eine echte Verbindung. Das ist die Verbindung eines Volksmusikers, nicht im übertragenen Sinne, sondern buchstäblich vom Land, von der Bauernschaft, Märchen, Sprüchen, Briefen und Wirtshäusern – all das was wir mit der verwurzelten, volksverbundenen Existenz meinen.

Das ist ein trübseliges Volkslied typisch für das neunzehnte Jahrhundert, vielleicht sogar vorher. Wir finden die Wurzeln dieser Musik in einem trübseligen Weissrussischen Volkslied,der von einer Wachtel mit kranken Beinen spricht. [2.51] Die ältere Generation kann sich noch an diese Lieder erinnern: Unsere alten Grossmütter sangen sie uns in unserer frühen Kindheit, als unsere kleinen Beine nach einem Spaziergang müde waren. Und jetzt, bewusst oder unbewusst gingen diese mitfühlenden weissrussisch-polnischen Lieder durch Modest Petrowitschs Gedanken.

Dieses wunderbare Bild kommt von dort. Als er sieht, wie diese Ochsen den schrecklichen Wagen mit den verschlungenen Rädern in den Schluchten ziehen, bewegen sich die Gedanken des Malers in unserem Leben, das traurige Schicksal, das uns wie Tiere dazu zwingt, sich von Anfang bis Ende zu beugen.

Es war relevant für Modest Petrowitsch, denn im Gegensatz zu Tschaikowsky erhielt er keine finanzielle Hilfe, welche ihm zu existieren erlaubt hätte, während er auch erschaffen wollte.

Sein Beamtendienst nahm viel Zeit in Anspruch, füllte sein Leben mit allen möglichen, endlosen negativen Empfindungen,nahm sein ganzes Leben und sein Talent. Daher der Alkoholismus, daher seine Schlamperei, seine permanente Depression. Das erklärt auch die wenigen Werke, die er uns hinterlassen hat. Der Herr gab ihm keine “Frau von Meck”, obwohl genau talentierte Menschen, Genies so sehr Sponsoren brauchen.

Deshalb änderten sich seine Gedanken über sein schreckliches Schicksal. Vielleicht stellte er sich vor, für den Rest seines Lebens arbeiten zu müssen. Und genau das ist passiert. Er starb so, nach einem Schlaganfall, gefolgt von zwei anderen. Er fiel auf den Teppich seines Wohnzimmers, versuchte aufzustehen, fiel nochmals, versuchte wieder aufzustehen und fiel wieder. Er ist nie wieder aufgestanden.

Natürlich ist das Alles in dieser Musik.

Deshalb, anstatt dieses Stück Takt für Takt durch zu gehen, werde ich dies ganz spielen. Sie werden selbst alles hören und verstehen.

«Bydło» [5.41]

Hier ist diese interessante Skizze, beliebt und tragisch. Ich rate allen Interpreten, dieses Stück nicht einheitlich zu spielen.

Denn die Schluchten sind sowohl vom Leben als auch von der Strasse dieses wackligen Wagens. Von dort können wir zu Puschkins “Wagen des Lebens” gehen. Kurz gesagt, es ist reine Psychologie und reine Philosophie. Das Drama des Lebens.

Wahrscheinlich haben Sie schon bemerkt wo unser Wagen festgefahren ist, das natürlich der Vorschlag von Mussorgsky ist. [9.46] Es markiert kleine Unterbrechungen, die anzeigen, wo der Wagen in den Graben fällt. Die Musiker müssen das besonders charakteristisch und ausdrucksvoll spielen.

Dann ist der Wagen aus verschiedenen Blickwinkeln: Er nähert sich, er geht weg, er ist hier, er ist da, er geht an uns vorbei.

Natürlich muss man das alles in unser Leben hochgerechnet werden und so oder so in unserem schwierigen Los. Das Schicksal ist nicht immer mit dem der Tiere vergleichbar, aber auch das ist nicht einfach.

Nach diesem Drama gibt uns das Gesicht unseres grossen Moderators Modest Petrowitsch einen bis jetzt unbekannten Ausdruck.  [10.38]

Ich gebe Ihnen einen Hinweis, wenn Sie es noch nicht erraten haben, obwohl das ganz einfach ist: die Transparenz und das sehr hohe Register. [10.58]

Vielleicht werden Sie mir nicht zustimmen, wahrscheinlich wird Sie das zum Lächeln bringen, aber das ist eine Träne.

Diese Gedanken liessen Modest Petrowitsch weinen.

Ich denke, Sie werden mir zustimmen, wenn Sie sehen, wie sich die Harmonie entwickelt. [11.21] Das sind pure Intervalle, die pure Atmosphäre, die uns umgibt. Offensichtlich ist das eine helle und traurige Träne. [11.43]

Dann gibt es offensichtliche Überlegungen zu dem, worüber ich gerade gesprochen habe.

Man hat den Eindruck, er sagt zu hören: “Ja, unser Schicksal ist schwer, das Leben ist schwierig”. [12.02] Dass unser Leben schwer ist, dieses Schicksal ist schwierig … Aber es ist genug, wie ein guter Dramatiker sagen würde. [12.35]

Er lächelt [12.37] und warnt, was uns erwartet. [12.44]

Und dann wird es ein Stück geben, das eines Hooligans würdig ist und den Hühnern gewidmet ist.

Auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal.

Übersetzt von Irina Surber

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