Modest Mussorgski. „Bilder einer Ausstellung“. Teil 2 „Der Gnom“

*Die Stellen, die rot markiert sind,
werden Sie zu den wichtigen Fragmenten des Textes führen.

 

Um den Inhalt dieses Musikstückes zu verstehen, muss man sich von der Musik etwas ablenken und die Aufmerksamkeit auf das Problem des Bewusstseins versetzen.

Diese Fragen sind erstrangig für das Verstehen der Musiktexte.

Das Bewusstsein…

Das menschliche Bewusstsein, das Bewusstsein der Zeit, des Landes und des Volkes mit deren Vertreter wir kommunizieren.

Die heutigen Vorstellungen über Gnome unterscheiden sich sehr von den Vorstellungen der Menschen in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Unser Geist ist, leider, schon überlagert mit Gnomen aus Filmen, Zeichenfilmen von Disney und anderen Quellen der Masseninformationen, welche unsere Vorstellungen über die Gnome des 19. Jahrhunderts ziemlich verfälschen.

Wenigstens die europäische Vorstellung,weil ein Gnom in der modernen Welt ein Produkt der europäischen Kultur ist.

Heute sind sie sympathische, lustige, graziöse Wesen, mit einer Mütze mit Pompons, die gutmütiges Lächeln hervorrufen.

Im 19. Jahrhundert aber waren sie kleinwüchsig und hatten die übermenschliche Eigenschaften.

Sie können durch die Wände, Felsen, Granit und alle andere materielle Hindernisse frei hindurchgehen.

Sie leben unter der Erde.

Übrigens, das ist sehr wichtig. Ich sage später, warum.

Von der menschlichen Eigenschaften werden ihnen hauptsächlich nur karikaturistische und parodistische Eigenschaften zugeschrieben.

Sie sind unglaublich selbstzufrieden, arrogant, viel zu seriös, gierig für materielle Werte, haben keinen Sinn für Humor.

Deswegen sind sie noch lustiger, wenn sie unter den Menschen auftauchen.

Also der Zwerg im 19. Jahrhundert ist die Parodie und die Karikatur des Menschen.

Sie waren ganz klein, a es dem Kleinen einfacher ist, sich unter der Erde zu bewegen.

Zu alledem hatten sie übermenschliche Eigenschaften.

Mussorgsky war aussergewönlich stark eben in den Parodien und Musikkarikaturen.

In den Erinnerungen seiner Zeitgenossen, wenn er über die verschiedenen satirischen und humoristischen Themen spontan improvisierte, brachte er das Publikum zum Lachen.

Das Publikum schüttelte sich einfach vor Lachen über das, was Mussorgsky beim Klavierspielen anstellte.

Interessant und das Wichtigste ist aber, dass Mussorgsky, als echter Schauspieler, nicht die Parodien spielte, sondern sich verwandelte.

Das war sein Geheimnis, seine Genialität und sein Einfluss auf das Publikum.

Deswegen gehen wir hier eine Stufe tiefer, um dieses kleine charakterische Stück zu verstehen.

Mussorgsky spielte nicht Klavier, sondern verwandelte sich.

Wir sehen nicht mehr Modest Petrowitsch vor uns, sondern einen Troll, einen Nain, eine Nibelung, einen Zwerg, oder sonstwer – mit allen Grimassen.

Allerdings sollen wir beim Spielen nicht übertreiben, wie es einige schlechte Akteure tun.

Man darf aber nicht einige künstlerische Akzente weglassen, welche die Präsenz des Autors unterstreichen.

3.25 Also ist dieser Mythos eines Gnoms, wie ich ihn euch auf der Grundlage des europäischen Wissens und der Mythologie beschrieben habe, nach Russland gekommen.

Dies ist bereits ein idealer Grund für das humoristische, satirische und surrealistische Talent, das Mussorgsky besass.

In diesem Stück gibt Mussorgsky seiner Fantasie auf ironische, sarkastische und humorvolle Weise freien Lauf.

Und jetzt möchte ich direkt zu dem Text gehen, damit wir diese Karikaturseite und diese scharfen Kontraste, die das Erscheinen des Gnoms zeigen, zusammen sehen können.

(4.14 -4.17). Vermutlich ist der Gnom von der Erde aufgesprungen, weil wir wissen, dass seine Erscheinung immer plötzlich und unheimlich ist.

(4.28 – 4.34) Die Reaktion.

(4.35 -4.38) Offensichtlich alle Arten von lächerlichen Sprüngen, Grimassen usw.

(4.43 – 4-49) Ein sehr charakteristischer Anfang, der dem Gnombild eines jeden Landes oder der europäischen Mythologie zugeschrieben werden könnte.

Und jetzt werden wir sehen, wie sich das Bild verändern wird.

Dann beginnt eine erstaunliche Transformation des Bildes auf russische Weise.

Mal sehen, wie all diese Informationen, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts angehäuft haben, den Geist Mussorgskys, des grossen Dichters, Humoristen und Surrealisten, überlagern könnten.

Der an den Tod dachte, (Memento mori war immer seine fixe Idee) das Infernalische(damals ein Schlagwort).

Es ist nicht schwer, eine Parallele zu ziehen.

Wenn wir ein wenig nachdenken und diese Mythologie auf das russischen Bewusstsein projizieren, zieht die Parallele sich selbst, auch wenn ich es nicht erwähne.

Ich denke, Sie haben es schon erraten.

Eine Figur aus dem Jenseits, Höhlen, unterirdischen Welten, surrealistische Wesen …

Wer ist das? Gogol! Im russischen Bewusstsein ist es Gogol, Gogol und nochmal Gogol.

Wir sind am richtigen Ziel unserer Reise durch Zeit und Raum angekommen. In der Zeit, im Raum und im Bewusstsein der Völker, Nationalitäten, Länder, Bevölkerungen.

Im russischen Geist von Mussorgsky, dem Mann mit grossem Talent und Intelligenz, konnte sich die ganze Mythologie der Gnome nur durch das Prisma von Gogols Bewusstsein verkörpern, dem Bewusstsein des russischen Goya, mit allen Schrecken und allem, was dazu gehört.

Wir kommen zu einer Reihe von Namen, die ich oft in meinen Vorlesungen erwähnte.

Das sind russische Künstler mit surrealistischen Tendenzen: Gogol, Mussorgsky, teilweise Dostojewski, Bulgakow, Schostakowitsch, Jerofejew.

Sie können diese Reihe “nach Ihrem Geschmack” vervollständigen, aber auf jeden Fall könnte man Sologoub und teilweise Leskov hinzufügen.

Kurz gesagt, es ist eine surrealistisch russische Bewegung, eine musikalisch-literarisch-poetische Bewegung.

Sie sind sicherlich Surrealisten – Psychologen mit diabolischer satirischer Orientierung,

mit Talent einer kosmischen Satire und einer Ironie, verkörpert in surrealistischen künstlerischen Bildern des Jenseits.

Diese Reihe von Namen ist absolut offensichtlich, diese Bewegung wurde nach Gogol gebildet und ist eine originelle russische philosophische Denkweise geworden, aussergewöhnlich und eigenartig.

Es hat nichts mit Goya oder Europa zu tun, mit den Zwergen und den surrealen, komischen oder satirischen Schrecken, die ich erwähnte.

Es ist etwas Eigenes, Russisches, Interessantes, was auf europäischem Boden entstanden ist.

Deshalb, wenn wir weitermachen, hören wir deutlich eine satirische und witzige Musik, wo nicht mehr der europäische Gnom erscheint, sondern Gogols Scheusale, seelische Monster und geistig Behinderte.

Sie sind russische Zwerge. Das umfassende Bild eines geistigen und physischen Zwergs.

Gehen wir weiter zu den nächsten Takten.

Bereits im Jahr 1868 hat Mussorgsky Gogol getroffen.

Es ist offensichtlich, dass er bereits von Gogol künstlerisch geschlagen und kontaminiert wurde, im guten Sinne des Wortes.

Er hatte bereits einen großen Teil der Oper über Gogols „Hochzeit“ geschrieben.

Am Ende 1868 wurde die Oper ausgeführt.

Das bedeutet, dass er fünf Jahre vor der Entstehung der „Bilder“ die gogolische Welt bereits sehr gut kannte.

Er war seiner Zeit so weit voraus, dass die Szenen, die er komponierte und die er in seinen Kreisen oder in der Öffentlichkeit spielte, als Kuriosität oder sogar als Geziere angenommen wurden.

Lassen wir uns dem Text weiter folgen.

(9.53 -10.03) Hier sehen wir schon „Die Nase“, den Sobakevitsch und alle anderen: niemand ist vermisst.

(10.08 – 10.12) Hier ist es Mussorgsky selbst, der auf dem Klavier hämmert.

Dies ist das sehr klare visuelle Bild von Modest Petrowitsch.

Es ist nicht zu übersehen!

Man darf das auf keinen Fall mit klassischen Klaviertechniken spielen, denn es ist eine ganz andere Ästhetik und wir wären lächerlich, wenn wir den Geist der Musik, den Komponisten und seine Präsenz nicht erkennen würden.

Hier ist Mussorgsky in jeder Bewegung des Körpers und der Hände anwesend,
(10. 51 – 10. 59) besonders hier.

(11.00) Wer könnte sonst mit seiner ganzen Handfläche auf die Klaviertasten schlagen?

Nur Modest Petrowitsch, sonst niemand.

Kein Europäer würde es gleich machen, er würde es nach der Deutschen Schule, auf Zehenspitzen interpretieren.

Hier ist die Berührung völlig anders.

(11.15 -11.17) Natürlich müssen wir den Text respektieren, wie Mussorgsky es will.

(11.20 – 11.26) Ich denke, dass in dieser Intonation die berühmte Betonung des „Flohs“ zu erkennen ist, der typische Sarkasmus, man kann sagen signiert Mussorgsky.

(11. 39 -11.43) Der „Floh“ und nochmals der „Floh“.

Dies beendet die äußere Herstellung des Gnomenbildes.

Aber schauen wir mal, was als nächstes passiert.

Wer ist der schreckliche Hauptzwerg bei Gogol?

Wohin führt das russische Bewusstsein?

Das ist nur Wij und Wij! Es kann keinen anderen geben.

„Hebe meine Augenlider“.

Hier ist schon die Geschichte des schrecklichen russischen Zwerges.

(12.32 -12.41) Nach und nach

(12.42 -12.44) visuell

(12.46) kommt er uns entgegen.

Ich bin sicher, niemand zweifelt an dem, den wir vor uns sehen.

Natürlich ist es Wij, schrecklich und höllisch.

14.01. Eine weitere Phase der Imagination beginnt sich zu entwickeln, das ist die infernalische Entität, die er durch unglaubliche Trillern, einfach, aber sehr wirkungsvoll, und durch chromatische Glissandi reproduziert, das hat niemand vor ihm getan und es gibt nicht viele, die es heutzutage tun.

Hier gehen wir direkt zu Schostakowitsch, der Mussorgsky sehr schätzte.

Denn er ist einer der wenigen, welcher Mussorgsky in seiner ganzen Tiefe und Metaphysik verstanden hat.

Mussorgsky ist offensichtlich ein Verwandter von Schostakowitsch, so wie Schostakowitsch von Mussorgsky.

(14. 53 – 15. 14) Es ist also ein kurzes, aber phänomenales Bild, ein echtes Inferno, ein sehr modisches Wort, das von der Intelligenz aufgegriffen und oft von Dostojewski benutzt wurde.

Infernalität, (15. 29 – 15. 38) und gefrorene Akkorde, die sich in ein tödliches Eis verwandeln, (15. 42 -15.50) eine teuflische, infernalische Leidenschaft erreichen.

Gerade als er aus der Erde aufstand, kehrt er in die Erde zurück, indem er sich in die letzte Zeile eingräbt, bittet Mussorgsky darum, jede Note mit aller Macht zu spielen.

(16.07 -16.11) Und dann verschwindet er unter der Erde. Es ist fantastisch!

Alle europäischen Mephistopheles verblassen.

Alle höllische Dinge verblassen angesichts dieses russischen Infernos, weil niemand in der Lage war, solche bösen Kräfte zu reproduzieren.

Selbst Liszt, trotz aller technischen Tricks, seiner perfekten Kenntnis von Harmonie und Symphonie konnte es nicht.

In der geschriebenen oder musikalischen Literatur gibt es kein Talent, das demjenigen von Mussorgsky gleichkommt, der in seinem eisigen Entsetzen fähig war, Visionen russischer Leidenschaften zu schaffen, welche viele Autoren und Philosophen, die ich aufgelistet habe, und die mit Schostakowitsch und Jerofejew enden, beeinflussten.

17. 22 – 19. 54 „Der Gnom“.

19.58 Hier ist das höllische Bild, in dem wir die Satire, den Humor und das Bild von Mussorgsky, der am Klavier sitzt, wiedergeben müssen.

Das sind die geheimsten Tiefen der russischen Mentalität und ihre surreale Pathologie:
Die Fragen, die noch nie jemand in der Musik vorbrachte und sicherlich auch nicht tun wird.

Dies ist das Verdienst Mussorgskys, und wir müssen das noch gedanklich verarbeiten.

Es wird 200 Jahre dauern. Erst heute beginnen die Menschen, die erstaunliche Psychologie von Dostojewski zu verstehen, gleich werden wir das verrückte Genie verstehen.

21.02 Dann kehrt Mussorgsky zu sich zurück.

Wir finden unseren charmanten Modest Petrowitsch, der in seinem Körper und seiner Seele in seinen normalen Zustand zurückkehrt.

Er sagte, dass jede neue Erscheinung der Promenade das Gesicht des Erzählers ist, Modest Petrowitsch selbst; Es erscheint zwischen den spektakulärsten Stücken, indem er das Drama etwas reduziert und uns auf den nächste Kapitel vorbereitet, das nächste Gemälde, das nicht anderes ist, als seine Verwandlung, sein Geisteszustand und die absolut fantastischen psychologischen Sprünge in den Geheimnissen der russischen Mentalität.

Also, wie reagiert Modest Petrowitsch auf den Horror, der vor ihm aufgekommen ist?

Der schreibt: moderato comodo assai e con delicatezza.

Das bedeutet: auf eine zurückhaltende, zurückhaltende-ruhige und sehr zarte Art und Weise.

Er beschreibt seinen Zustand … Wir werden jetzt sehen, was er tut.

(22.29 – 22.47) Seine Reaktion ist unglaublich!

Modest Petrowitch ist zart, schwebend.

Er schwebt im Raum und er lächelt eindeutig.

(23. 04 -23.06) Diese drei Akkorde kann man nicht anders als ein strahlenden Lächeln zu entziffern,
(23.12 -23.20) mit einem Hauch von Koketterie.

Er hat alles, nichts fehlt, wie es einem Genie entspricht. Er ist erschöpfend.

Was ist hier los? Etwas, das uns, die Zeitgenossen, auffängt.

Er schwebt, er lächelt … Was bedeutet das im modernen Slang?

Wie können wir das nennen? Der Swing!

Ja, der russische Swing der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das klingt wild, oder?

Aus historischer und formaler Sicht.

Aber genau das macht Modest Petrowitsch so modern, so attraktiv für uns und seine Zuhörer.

Es wird immer Neues zu entdecken geben.

All dies ist in der Atmosphäre der Erde, unseres Lebens eingefroren. Das ist für Ewigkeit.

Heute nennen wir das “Swing”, zu der Zeit von Mussorgsky wurde es die Erleuchtung genannt: Licht, Schwimmen und Segeln.

Heute ist es Swing und in 1000 Jahren wird es etwas anderes sein, aber es wird einer der Grundzustände des Menschen bleiben, angenehm und leuchtend.

Das macht das Stück übrigens auch für Jazzmusiker so attraktiv. Sie lieben es!

Sie verstehen nichts, aber haben im Gefühl, dass das ihnen vertraut ist.

Sie fühlten intuitiv diese Besonderheit des Textes, seinen Swing-Charakter, den die Klassiker ignoriert hatten.

Jazzmusiker sind den Menschen näher, deshalb haben sie das schneller verstanden.

Natürlich wussten sie nicht, wie man es in seiner Gesamtheit würdigt, denn dazu wäre es nötig gewesen, Psychologe, russischer Schriftsteller, Historiker und wahrscheinlich auch Russe zu sein.

Trotzdem wurden einige Dinge gespürt, von Jazzmusikern, Popmusikern aber zur grossen Schande nicht von klassischen Interpreten.

Was für eine Schande, was für eine Schande!

So kann das zeitliche Puzzle und eine geniale und phantastische Intuition quer durch die Zeit dieses interessante Bild rekonstruieren.

Wenn die Zeit aus dem russischen Salon der halb progressiven Schriftsteller und Halbmusiker oder einfach intelligenter und talentierter Leute von der Straße, zurück geht, wird ein globalen Trend entdeckt, sogar einige Takte werden Begründer der Musikrichtung Swing.

(26.16 – 27.18) So, aufhaltend und schwimmend im Raum, schwingen wir sanft und segeln nach Italien, in „Das Alte Schloss, für die nächste Episode.

Vielen Dank

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